Heimathafen verlassen vor 1893 Tage 12 Stunden 45 Minuten

Archiv für Oktober 2013

Wartezeit und Unterricht im Hafen

 

Das Tief „Christian“ hat wohl in ganz Westeuropa gewütet. Hier sind in den hohen Wellen vorm Hafen drei Fischer ums Leben gekommen, zwei werden noch vermisst. Ihr Boot war gekentert und gesunken. Wegen der Bergung ist der Hafen b.a.w. gesperrt. Das ist nach nur einem halben Jahr der zweite Unfall.

Die Bilder und Nachrichten, die ich auch aus Deutschland empfange, sind ähnlich schlimm.

Ein besonderes Erlebnis in der Wartezeit ist für mich die Bekanntschaft von Sonia Falcou und Brice Le Huec mit ihren beiden Kindern Arthur (6) und Awen(10) aus Lorient/Bretagne. Sie sind nun zum 2. Mal auf Langfahrt und liegen am gleichen Steg. Von ihrer ersten Reise sind der Film und das Buch „Les enfants de l’Atlantique“ bekannt (s.a. gleichn. Blog). Die Kinder werden von Sonia, die Lehrerin ist, unterrichtet. Wenn sie zurückkommen, werden sie fast die ganze Welt gesehen haben, mehrere Sprachen sprechen und vor allen Dingen, Primärerfahrungen gemacht haben – eine wesentliche Bedingung für ein natürliches Lernen und ihre Entwicklung. Nebenbei werden sie andere Kinder und andere Kulturen kennengelernt haben.

In ihrem Schiff „Chintouna“ stehen übrigens kleine Joghurtbecher, teilweise mit feuchter Watte und Samen. So lässt sich das Wachstum unter verschiedenen Bedingungen beobachten. Arthur zeigt mir, dass z.B. im abgedeckten dunklen Becher die Samen kaum wachsen und gelb werden. So funktioniert Biologieunterricht auch auf See.

Ich habe die große Ehre, als Musiklehrer tätig werden zu dürfen. Und siehe da, innerhalb weniger Tage spielen nicht nur die Kinder, sondern die ganze Familie den C-Jam-Blues in der Besetzung Gitarre, Blockflöten, Schellenkranz, selbst gebaute Klangstäbe und Keyboard. Chansons und natürlich Shanties sind auch dabei.

Brice hat bei dem miesen Wetter seine Seekarten sortiert und mir einige, die er nicht mehr benötigt, geschenkt. Darauf sind Kurse eingezeichnet und nautische Angaben zu lesen. Vielleicht, ja vielleicht werden sich die Kurse von „Chintouna“ und „FindUs“ sich irgendwann und irgendwo mal wieder schneiden. So Long !

Musikunterricht mit der Besatzung der SY Chintouna (28.10.2013)

 

Datum: 28.10.2013

Position: N 40 8 50.87 / W 8 51 35.26

 

Position in Google Maps

 

 

 

 

Schietwetter in Figueira da Foz

 

Natürlich braucht ein Skipper für die Langfahrt die Wind- und Strömungskarten, die sog. Monatskarten. Diese geben die statistischen Häufigkeiten in bestimmten Gebieten der Erde an. Da wir nunmehr auf einen Klimawandel zusteuern, haben Jimmy und Ivan Cornell die Daten der letzten 20 Jahre in ihrem Atlas der Ozeane zusammengetragen.

Um auf der sicheren Seite zu sein und Reisen planbar zu machen, haben wir uns dieses Teil für viele Euros gekauft. Und was ist der Erlös? Im Oktober stehen für das hiesige Atlantikgebiet überwiegend nördliche Winde an und ein Flautentag.

Ich sitze aber nunmehr bei starkem Südwind und Regen wie in einer Falle im Hafen von Figueira da Foz fest, weil sich dieses blöde Wetter nicht an die Statistik halten will.

Wegen zu großer Wind- und Wellenstärken ist der Hafen komplett von der Policia Maritima gesperrt worden. Das kann man ihnen nicht mal übel nehmen, denn sie kennen die Gefährlichkeit, schließlich haben sie bei ähnlichem Wetter am 12.4.2013 bei der Rettungsaktion von der Segelyacht „Meri Tuuli“ (X442) aus Hamburg vor dem Hafen einen ihren Kameraden verloren. Auch ein Mitglied der Mannschaft starb.

Hier im Hafen verfärbt sich das Wasser durch den Flussablauf bedingt auf rotbraun. Auf dem Atlantik wird die Wellenhöhe mittlerweile von verschiedenen Wetterprogrammen mit über 10 m angegeben, Tendenz steigend. An eine Überfahrt nach Madeira ist im Moment und in nächster Zeit überhaupt nicht zu denken.

Wenigstens sind die Hafengebühren jetzt in der Nachsaison erträglich geworden. So zahle ich hier für eine Woche nur noch 86 Euro, inkl. Wasser, Duschen, Strom und WLAN. Bis zum September lagen die Preise in den Häfen zwischen 25 und 40 Euro täglich, teilweise sogar ohne Zusatzleistungen.

Zum Glück sind das Ölzeug und die Gummistiefel nicht nur auf dem Schiff nutzbar. Es dient mir auch beim Gang in die gegenüberliegende Markthalle, um mich mit frischem Gemüse, Obst, Brot, Fisch und Fleisch zu versorgen. Die Auswahl ist groß. Eines gibt es hier jedoch leider nicht: Einen Sack voll Sonne mit mäßigem Nordwind.

Gut, dass ich im Hafen bin. Werde wohl einen kleine Autotrip mit meinen Bootsnachbarn ins Landesinnere vornehmen.

Gruß Reinhard

Markthalle in Figueira da Foz (24.10.2013)

Markthalle in Figueira da Foz (24.10.2013)

 

Brandung am Strand von Figueira da Foz (24.10.2013)

Brandung am Strand von Figueira da Foz (24.10.2013)

 

Datum: 22.10.2013 – 12:46:15 Uhr

Position: N 40 8 47.41 / W 8 52 24.00

Richtung: 287.04

 

Position in Google Maps

 

 

Anmerkung vom Webmaster:

Leider ist bei der Bildunterschrift „Brandung“ mit „Dünung“ vertauscht worden. Ist jetzt aber korrigiert. Folgende Erklärung, die postwendend hier einging, gibt aber auch dem Laien Aufschluss über den Begriff Dünung.

„Als Dünung wird die stetige lange Welle auf dem Ozean bezeichnet (im Atlantik meist aus West), die nicht durch Wind hervorgerufen wird und in Frequenzen angegeben wird, z.B. 10,2 Sekunden, aber durchaus von Windwellen überlagert wird, die Wetter bedingt entstehen. Bei meinem Törn habe ich durchaus eine Dünung von über 3 m erlebt, die aber harmlos ist, da die Wellen bei einer 10 er Frequenz ca. 100 m Abstand haben. Unangenehmer wird es dabei, wenn die zum Teil querlaufenden Windwellen zu Kreuzseen werden, wie z.B. zurzeit, wenn Südwind mit 40 kn und den dazugehörigen Südwellen auf Westdünung trifft.“

 

 

Das Ende eines schweren Arbeitstages bei 21 Grad in Mittelportugal

 

Kaum sind die dunklen Wolken über Mittel-Portugal verschwunden, ziehen neue heran. Das Tief auf dem Atlantik scheint festzuliegen und schickt am Rande immer neue Wolken mit Regen, Südwind und wachsenden Wellen. Ideal für Surfer, aber nicht für Segler, die nach Süden wollen, denn die portugiesische Küste mit den der Flussmündungen vorgelagerten Flachs ist nicht ohne Gefahren bei dem Wetter zu befahren.

Im Hafen wächst so eine neue internationale Gemeinschaft heran. Jede Crew entwickelt andere Warteaktivitäten. Der ältere Franzose mit dem Holzkutter hat sich als Erster auf die andere Seite des Stegs verholt, damit der kommende Starkwind ihn ruhiger schlafen lässt, wie er gestikulierend erklärt. Seine Frau schrubbt derweilen die Anlegespuren an der Backbordseite weg. Während die Schweden das Beiboot für Hafenrundfahrten aufblasen, packt der junge Franzose seine Flex aus und macht sich an seinem Stahlboot zu schaffen.

Da kann ich doch nicht untätig zusehen. Immerhin bin ich nun wieder allein, denn Gino ist längst vom ADAC vorbildlich organisiert in die Heimat zurückgeflogen und in ärztlicher Behandlung. Von Karen erfahre ich, dass sie zwar nicht ärztlich, aber vorbildlich von Svenja mit Kohletabletten versorgt wird. Ich habe ihr das Angebot gemacht, augenblicklich nach Fatima zu fahren. Das liegt hier ganz in der Nähe. Meine Aufmunterungen kamen aber nicht so recht an. Was sollte ich also tun?

Ich greife zu meiner To-Do-List und nehme mir Punkt 8 vor: Halbieren des achterlichen Kojenbretts für bessere Handhabung! Noch ehe ich beginne und meine kleine Handsäge in Anschlag bringe, verreckt der Außenborder der Schweden. (…Na, da muss die Blonde wohl nach Hause gerudert werden… ) Nach kräftigen ersten Sägeimpulsen meinerseits, kommt der ältere Franzose und bietet mir einen größeren Fuchsschwanz an. Damit geht die Arbeit schneller. Plötzlich steht der Pole hinter mir, der bis dahin im Cockpit mit der Crew etwas Prickelndes getrunken hatte, schüttelt den Kopf und reicht mir seine elektrische Bosch-Handsäge. Na, da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt.

Nach Vollbringung der Arbeit und mit zwei Hälften unterm Arm besteige ich „FindUs“. Voller Anerkennung nickt mir dabei die Dame mittleren Alters von dem großen Motorboot zu. Und ich dachte immer: Kein Schwein macht mich an. Sie hatte sich in der Zwischenzeit die Fußnägel lackiert.

Figueira da Foz - 19.10.2013

Figueira da Foz – 19.10.2013

 

Das Ergebnis eines schweren Arbeitstages

Das Ergebnis eines schweren Arbeitstages

 

Datum: 19.10.2013 – 18:09 Uhr

Position: N 40 8 50.87 / W 8 51 35.26

Richtung: 169.66

 

Position in Google Maps

 

 

Dunkle Wolken über Portugal

 

In Figueira da Foz kamen wir wegen des schwachen Windes mal wieder nachts an. Vor dem Hafen war im April eine deutsche Yacht gestrandet. Da die Ansteuerungen von Häfen in Flussmündungen an der portugiesischen Küste nicht ungefährlich sind, weisen Warnlampen auf eine Sperrung hin. Ohne Probleme konnten wir jedoch festmachen und kauften in der direkt gegenüberliegenden Markthalle morgens reichlich frische Lebensmittel ein.

Am nächsten Morgen sprang Gino dienstbeflissen mit Müllbeutel von Bord. Die Landung war jedoch unsanft und schmerzhaft. Krankenschwester R. setzte als Erste Hilfe erst einmal Eisspray, Druckverbände und Schmerztabletten ein. Wie sich jedoch später herausstellte, war eine Sehne angerissen. An eine Weiterfahrt war deswegen und auch wegen des ungünstigen Windes nicht zu denken. Doch davon ließen wir uns die gute Stimmung an Bord nicht vermiesen.

Eigenhändig fuhr Gino täglich das Boot aus der Box zum Toilettengebäude und humpelte mit Krücken die letzten 20 m zum Duschen. Die Androhung einer Infusion brachte Gino sogar zur nötigen Flüssigkeitsaufnahme. Schwester R. wird ihn mit einem Mietwagen zum Flugplatz Faro bringen. Die Gesamtseemeilen des Törns von 148,6 fallen vor diesem Hintergrund allerdings dürftig aus – davon 1,6 sm im Hafen zur Toilette.

Figueira da Foz

Figueira da Foz

Notaufnahme

Notaufnahme

Krankenschwester R.

Krankenschwester R.

 

 

Datum: 13.10.2013 – 16:15 Uhr

Position: N 40 8 52.03 / W 8 51 34.59

Richtung: 112.24

 

Position in Google Maps

 

 

Porto

 

Nachdem wir die Hafengebühren in Viana do Castelo (Portugal) bezahlt hatten, fragten wir nach einer Möglichkeit, am Sonntag einzukaufen. Wir bekamen zur Antwort: „Sure, this is not Spain, no Siesta here!“ Aha, damit waren wir herzlich Willkommen in Portugal.

In der neuen Marina am Fluss Douro, mitten in Porto, wurden wir morgens sogar sanft geweckt, als die unbestellten Brötchen ins Cockpit flogen, sogar kostenlos.

Gino hatte für das gute Wetter, das er mitgebracht hatte, einen Bonusschein für 1 cl Rum bekommen, den er sogleich gegen einen für Portwein umtauschte. Bei der Verkostung in den Weinkellern von Offley stürzte er sich jedoch in erhebliche Schulden, so dass er nunmehr die restlichen 19 cl an Bord abarbeiten muss, was wohl auf einen Waschtag hinauslaufen wird.

Leider mussten wir unsere langen Hosen und Sweatshirts gegen kurze Hosen und kurzärmlige Hemden tauschen, weil die Temperaturen gegen 25 Grad gingen. Dieses Schicksal teilten wir mit anderen Seglern, die auch zur Stadtbesichtigung mit dem Wassertaxi auf die andere Seite der Stadt starteten. Dort muss auch noch die Frage geklärt werden, was essen wir heute Abend. Hoffentlich nicht wieder Heringe in Tomatensoße aus der Dose.

 

Weinkeller von Offley (07.10.13)

Weinkeller von Offley (07.10.13)

 

Porto (07.10.13)

Porto (07.10.13)

 

Datum: 07.10.2013 – 16:59 Uhr

Position: N 41 8 29,38 / W 8 37 25,33

Richtung: 88.54

 

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