Fahrt mit Hindernissen

Kap Vicente – Sines

Aufziehender Nebel am Kap
Aufziehender Nebel am Kap

Als ich mich wohlgelaunt morgens allein mit FindUs auf den Weg Richtung Lissabon mache, ahne ich noch nicht, was mich erwartet. Mein Plan ist, mich in die geschützte Hafenbucht von Baleeira nahe dem Cabo de São Vicente zu legen und kurz nach Sonnenaufgang das Kap zu passieren. Dazu raten die portugiesischen Segler. In den Morgenstunden ist der Kapeffekt mit viel Wind am geringsten. Aber der Hafen ist für Nichteinheimische gesperrt und wird überwiegend von Fischern genutzt. Deshalb möchte ich an eine der ausgelegten freien Moorings gehen. Doch die sehen ziemlich marode aus. Ein einheimischer Fischer rief mir so kritisch dastehendem Segler sogar zu: „Sicherer ist es, wenn du ankerst!“ Das tue ich auch. Ich hab zum Feierabend schon ein kühles Blondes vor Augen, als plötzlich entgegen aller Wettervorhersagen heftige Fallböen aus der hohen Küstenformation einfallen und es stürmisch wird. Zunächst denke ich an einen typischen Kapeffekt. Aber es wird schlimmer und zudem rutscht der Anker über felsigen Grund und findet keinen Halt. Da ich das Risiko zu hoch einschätze, verlasse ich sicherheitshalber sofort die Bucht und mache mich zurück auf zum nahen Lagos, das ich gegen Mitternacht erreiche. Vor mir am Steg haben gerade Segler aus Lissabon festgemacht, die ebenso hier abwettern. Da das Wetter-Zeitfenster für diesen Törn aber nur der morgige Tag ist, müssen wir früh raus.
Ich starte nach 4 Std. Schlaf um kurz nach 6.00 Uhr und fahre in ruhigem Küstengebiet.

Video

Je näher ich jedoch wieder dem Kap komme, verschlechtert sich das Wetter zunehmend und die See ist ziemlich aufgewühlt. FindUs zieht aber unbeirrt seine Bahn, während ich mich in Ölzeug packe. Als wir die drei markanten Felsen passieren, kommt zunehmend auch noch Nebel auf und das bei sich verstärkendem Wind von vorn.

So hatte ich mir meine zweite Umrundung in Gegenrichtung des Kaps mit Ziel Ostsee nicht vorgestellt. Schließlich kreuzt FindUs hier seinen eigenen Kurs von 2013, also genau nach 6 Jahren, 8 Monaten, einer Woche und 20 Stunden. Damals war das Wetter perfekt und man konnte quasi die letzte Bratwurst vor Amerika, die als Touristenattraktion auf dem Kap gegrillt wird, riechen. FindUs riecht zwar nichts, fährt aber dagegen durch die Wellen schnurgerade aus, als wenn er seinen Stall in der Ostsee wittert.

Kurze Zeit später habe ich keine Sicht mehr. Auf dem AIS-Gerät sehe ich, dass die „Lion of Sea“, ein größeres engl. Segelschiff, mich knapp an Backbord passiert. Mit den Augen kann ich es aber nicht sehen.

Drinnen sieht man mehr als Draußen
Drinnen sieht man mehr als Draußen

Als nächsten Halt hatte ich nunmehr den Hafen von Sines ausgeguckt. Nach berechneter Zeit würde ich den um ca. 22.00 Uhr erreichen. Die Fahrt gestaltet sich zwar einfach, da FindUs mit Autopilot läuft, ich aber im Nebel immer wieder auf das AIS-Gerät und das Radar angewiesen bin. Hier ist schließlich eine viel befahrene Schifffahrtsstraße.

Ohne Wind und bei auflösendem Nebel kommen im Dunkeln das Leuchtfeuer und die Hafeneinfahrtsbefeuerung in Motorfahrt vor Sines in Sicht. FindUs erbebt plötzlich und kommt zum Stehen. Ich werfe mit Hilfe der Taschenlampe einen Blick achteraus. Da sind soweit ich sehen kann mehrere Leinen im Schlepp. Ich hatte wohl ein ausgelegtes Fischernetz ohne Beleuchtung erwischt. Und das vor der nahen Hafeneinfahrt? Wer macht denn sowas? Schon bei der Hinfahrt hatte ich abenteuerliche Begegnungen mit Kleinstfischern in Portugal.

Ich trieb jetzt im Tidenstrom in Richtung des Ankerfelds der Großschifffahrt. Den ersten Gedanken, einen Securite-Funkruf abzusetzen, verwarf ich zunächst. Es gibt schlimmeres, als auf eins der vielen ankernden Frachtschiffe im Ankerfeld zu treiben und es muss eine Lösung her.
Ich versuche also zuerst durch kurze Vorwärts- und Rückwärtsfahrt bei niedriger Motordrehzahl die Tampen aus dem Propeller zu entfernen. Nach kurzer Zeit gelingt das auch wohl, allerdings nur zum Teil. Es zeigt sich, dass die Propellerblätter des Drehflügelpropellers nicht auf Rückwärtsfahrt reagieren und ein Schub ist weder vor- noch rückwärts kaum spürbar.
Wahrscheinlich verhindern die Tampen im Propeller die Umstellung. Aber…, es geht wenigstens in Schleichfahrt und mit viel Ruckeln durch die Unwucht etwas vorwärts.
So steuere ich mit etwas mehr als Standgas im Vorwärtsgang den Hafen an. Im Hafenbecken mache ich alle Fender und Festmacher klar. Währenddessen vertreibt FindUs im Strom, schließlich beträgt die Tide hier knapp 2m.
Mit Kriechgeschwindigkeit fahre ich auf die Steganlagen zu, immer eine freie Box suchend. Unter Motor kann ich nicht manövrieren. Also hangele ich mich mit dem Bootshaken und händisch an einer Reihe von Booten entlang. Dann kann ich FindUs in der Strömung nicht mehr halten und ich werfe eine Leine auf einen vorstehenden Hakenanker von einem weit in die Gasse ragenden Schiff. Diese verfängt sich und ich bin erst mal fest. Jetzt heißt es nur noch zu warten, bis ich am Auslegersteg die Achterklampe mit einem Tauwerk erwischen kann. Beim zweiten Wurf gelingt das tatsächlich. Und… kaum zu glauben, FindUs dreht weiter und driftet von allein in die Box. Ich springe auf den Ausleger und mache die vorbereiteten Festmacher fest. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Rio, ein Clubmitglied, kommt gerade den Steg entlang und klärt für mich mit der Nachtwache der Marina alles Weitere ab. Er hatte erst letzte Woche die gleichen Probleme.
Ich kann erst einmal hier Übernachten und dann sehen wir weiter. Der Hafen verfügt immerhin über eine Slipanlage und einen Kran.
Von Karen, die in Kiel sich um unser neues Zuhause kümmert, bekomme ich eine Kurznachricht. Sie hatte meine Einfahrt live bei Marine Traffic verfolgt: „Willkommen in Sines. Genieß das Anlegebier!“

Nach der Anmeldung am Morgen im Hafenbüro mache ich mich tauchfertig. Das Wasser ist ganz schön kalt, schließlich sind wir im Atlantik und nicht mehr im Mittelmeer. Als ich unten bin, traue ich meinen Augen nicht, ein ganzer Pulk von Leinen hat sich um den Propeller gewickelt. Ein Abwickeln ist nicht möglich. Mit einem scharfen Messer durchtrenne ich diese nacheinander, was unter Wasser schwimmend gar nicht so einfach ist. Nach 20 Minuten ist der Propeller frei und ich total durchgefroren.

Reste der Fischerleinen im Propeller
Reste der Fischerleinen im Propeller

Ich werfe den Motor an und probiere Vorwärts- und Rückwärtsfahrt in der Box aus. FindUs reagiert einwandfrei und dampft ordentlich in die Festmacher und Springs ein.
Ich dusche mich mit fast warmen Wasser aus dem Schlauch am Steg und lege mich zum weiteren Aufwärmen in den nunmehr aufkommenden Sonnenschein. Wie sagt der Kölner: Et hätt noch immer jot jejange!

 

Cartagena – Gibraltar – Algarve

An Cartagena sollte man nicht vorbeifahren.
An Cartagena sollte man nicht vorbeifahren.

Der Törn mit nächtlichem Gewitter vom Ankerplatz in der Bucht von Espalmador zum spanischen Festland wird schnell abgehakt. Dafür genießen wir die Stadt Cartagena. Das Rathaus kombiniert architektonisch Modernes mit 3000 Jahren Geschichte.

Nach einem weiteren Zwischenstopp in der Marina del Este folgt eine Leichtwindfahrt nach Gibraltar. Auf dem Wege dorthin begleiten uns immer wieder Delfine, die scheinbar mit FindUs spielen wollen und natürlich auch in seiner Bugwelle surfen.

Mit gutem Wind nach Gibraltar
Mit gutem Wind nach Gibraltar

Nachts um 2.00 Uhr erreichen wir Gibraltar im richtigen Timing von Strom und Wind. Die Einfahrt in die Bucht und die weitere Anfahrt bis zur Marina erfordern aufgrund der vielen Schiffsbewegungen unsere ganze Aufmerksamkeit.

Man lebt hier tatsächlich auf, um und in einem über 400m hohen Berg mit Blick auf Spanien und dem gegenüber liegenden Marokko/Afrika. Die kleine Stadt lebt vom Tourismus und gilt als Steuerparadies. Beeindruckend ist allerdings die Geschichte dieses strategisch wichtigen Ortes. Unser Eindruck ist: Wohnen und Urlaub machen kann man hier – muss man aber nicht unbedingt.

Mit dem Taxi und dem kundigen Driver auf Erkundungstour im Englisch orientierten Gibraltar
Mit dem Taxi und dem kundigen Driver auf Erkundungstour im Englisch orientierten Gibraltar

Abends geht es dann Nonstop in 31 Std. zur luxuriösen Marina von Vilamoura/Algarve/Portugal.

Portugal in Sicht
Portugal in Sicht

Im benachbarten Faro treten Inge und Stefan schließlich die Heimreise ins „kalte“ Deutschland an.

Ein letztes Foto vom Törn
Ein letztes Foto vom Törn

Der Captain bleibt zurück und wartet auf günstigen Wind im Atlantik für die Rückfahrt in die heimatliche Ostsee. Das kann aber dauern. Bis dahin „vertreibt“ er sich die Zeit mit den üblichen Wartungsarbeiten am Schiff.

 

 

FindUs wieder auf Fahrt

FindUs in der Bucht von Espalmador/Isla de Formentera
FindUs in der Bucht von Espalmador/Isla de Formentera

 

Die unfreiwillige Auszeit hat auch FindUs gut überstanden. Und nach einwöchiger Pflege ist unser Schiff wieder bereit zum Auslaufen. Die letzte Etappe von Mahon/Menorca zurück in die heimatliche Ostsee sollte wohl bis zum Herbst zu schaffen sein.

In unserem Leben nach der Weltreise wird sich einiges verändern, u.a. wird unser neues Zuhause nämlich in Kiel sein. Die Ereignisse überschlagen sich und führen letztlich dazu, dass ich FindUs mit gelegentlicher Hilfscrew zurückbringe. In der Zwischenzeit bereitet Karen unser neues Zuhause vor; eine gewaltige Aufgabe, denn wir brauchen einen komplett neuen Haushalt.

Nachdem FindUs wieder klar zum Auslaufen ist, wird der erste Törn über Gibraltar bis nach Portugal gehen. Inge und Stefan unterstützen mich und wir genießen das Wasser und die Temperaturen im Mittelmeer.

 

 

Königlicher Besuch

Grünkohl-König Klaus I. von der Seglervereinigung Brunsbüttel (SVB)
Grünkohl-König Klaus I. von der Seglervereinigung Brunsbüttel (SVB)

Unsere Freunde vom SVB eröffnen die Segelsaison nach den Corona-Einschränkungen mit einer Ausfahrt zur Insel Föhr. Dabei wurde die königliche Yacht „Elbfuchs“ mit den Majestäten Klaus und Antje an Bord von zwei Begleitschiffen eskortiert. Kaum waren die Leinen fest, hielt der König Hof und gab sogleich einen Empfang, natürlich im gebührenden hoheitlichem Abstand. Das Protokoll sah uns als Gäste vor, und wir wussten die Ehre zu schätzen, zumal uns ein hochgeistiger Schluck aus dem königlichem Lager serviert wurde.

Der Königsauszeichnung war das bei der Seglervereinigung jährlich übliche Grünkohlessen der Mitglieder vorausgegangen. Dabei benennt ein Komitee eine kleine Auswahl an Kandidaten für das Amt eines neuen Grünkohlkönigs. Vor und nach dem Essen werden die Auserwählten gewogen und wer die höchste Gewichtszunahme hat, wird zum König ernannt. Die Amtszeit ist auf ein Jahr begrenzt. Diesmal konnte zu unserer großen Freude Klaus punkten.

Für uns war das Wiedersehen ein echtes Highlight, da wir doch selbst seit Wochen nicht mehr auf einem Segelschiff waren und unsere FindUs weiterhin auf den Balearen wartet.
Wichtig ist aber, dass wir alle gesund und bei guter Laune bleiben. Im diesem Sinne: Immer eine Daumenbreite Grünkohl-Schluck im Glas!