Heimathafen verlassen vor 1980 Tage 9 Stunden 31 Minuten

Archiv für Juli 2016

Spice-Island

Während unser Webmaster Gerald mit seiner Familie im wohlverdienten Sommerurlaub weilte, wollten auch wir ihm eine wohlverdiente Pause gönnen.

Untätig waren wir aber nicht. Gemeinsam mit Crews aus Canada und den USA machen wir eine Inseltour. Unser erster Stopp sind die Concord-Falls. Sie liegen im Westen der Insel und es besteht die Möglichkeit, im Becken zu Baden oder natürlich auch, am Wasserfall ins Becken zu springen. Für Letzteres gibt es zum Glück professionelle Jumper. Und so spricht uns direkt nach der Ankunft ein junger Einheimischer an und teilt uns mit: „I’m your Jumper“.

Video Jumper

Video Jumper

Von dort springt keiner aus unserer Gruppe, wohl aber von einem niedrigeren Vorsprung auf der anderen Seite. Ich begnüge mich damit, im recht kalten Süßwasser hinter den Wasserfall zu schwimmen.

Wasserfall von innen

Es ist schon beeindruckend, was für ein starker Sog durch den Wasserfall entsteht.

Nach dem erfrischenden Bad geht es weiter zur Muskatnussfabrik. Muskatnüsse sind das wichtigste Exportprodukt der Insel. Nicht umsonst findet sich die Frucht in der Flagge Grenadas wieder. Lange Jahre lag Grenada unangefochten nach Indonesien (75 % Marktanteil) mit 20 % Marktanteil auf Platz zwei im weltweiten Muskatnusshandel. Durch den Hurrikan Emily, der im Jahr 2005 auf den Hurrikan Ivan folgte, wurde ein großer Teil der Muskatnussbäume vernichtet. Der Export brach um 70 % ein. Mittlerweile haben sich die Baumbestände erholt und Grenada und ist nun im Muskatnusshandel wieder ganz vorne dabei. Die Frucht ist reif, wenn ihre gelbe Schale aufplatzt.

Reife Muskatnussfrucht

Alle Bestandteile der Frucht werden verwendet: Aus dem gelben Mantel lassen sich u. a. Marmelade und Sirup,

Marmelade und Sirup I Marmelade und Sirup II

aber auch Likör herstellen. Der rote Mantel, der um die Nussschale liegt, ist Macis, auch als Muskatblüte bekannt. Dieser Bestandteil wird vor allem für Fleischgerichte, u. a. Weißwürste, verwendet. Und zu guter Letzt natürlich die Muskatnuss.

In der Fabrik werden die Schalen automatisch geknackt und in Handarbeit von Frauen aus der Schale entfernt. Bezahlt werden die Frauen für jeden gefüllten Sack, was in der Regel einen Tag Arbeit bedeutet und gerade mal 42 EC, also ca. 14 €, einbringt.

Arbeiterin Muskatnussfabrik

Nachdem die Nüsse aus der Schale entfernt sind, kommen sie in ein Wasserbad um zu testen, ob sie für den Verzehr geeignet sind. Bleiben sie auf dem Boden liegen, sind sie in Ordnung. Anschließend kommen die Nüsse zum Trocknen in die Regale.

Trocknungsregal

An anderer Stelle werden die Jutesäcke für den Versand beschriftet

Schilderwerkstatt

und das fertige Produkt kann sich dann auf den Weg in die Welt machen.

Auf nach Hamburg

Aber nicht nur Muskatnüsse werden von Grenada exportiert, sondern auch Kakao.

Und so darf natürlich ein Besuch von einer der beiden Schokoladenfabriken nicht fehlen. Die Diamond Chocolate Fabrik ist eher klein,

Foto Schokoladenfabrik I Foto Schokoladenfabrik II Foto Schokoladenfabrik III 

was aber dem Produkt in Qualität und Geschmack keinen Abbruch tut.

An einer Probierstation können unterschiedliche Varianten bis hin zu gerösteten Stücken der Kakaoschale getestet werden.

Probierstation

Nicht ohne Folgen: Tafeln mit unterschiedlichem Kakaogehalt und Muskatnussschokolade wollen unbedingt gekauft werden.

Schokoladenvielfalt

Auf dem Weg zum Lunch machen wir noch in Leapers Hill Station. Nachdem 1651 die Kariben den Krieg gegen die auf der Insel lebenden Franzosen verloren hatten, zogen die meisten der verbliebenen Kariben es vor, hier in den Tod zu springen. Kaum vorstellbar, dass sich vor diesem Panorama eine solche Tragödie abgespielt hat. Und noch immer ist dieser Ort eng mit dem Tod verbunden: Einige sterben für diese Aussicht.

Leapers Hill

Zum Lunch geht es ins „Belmont Estate“. In luftigen, kühlen Räumen mit Blick auf die Gärten und Trocknungseinrichtungen für die Kakaobohnen essen wir zu absolut verträglichen Preisen ein Drei-Gänge-Menü: Papayasuppe für Reinhard, grüne Bananensuppe für mich, anschließend Jerkchicken (auf karibische Art mariniertes Huhn), Thunfisch und mariniertes Schwein, mit direkt vor Ort angebautem Salat oder gedünsteten Bananen. Zum Essen trinken wir übrigens auch Tabwater, also kaltes Leitungswasser, was keinerlei Probleme verursacht. Beim Nachtisch, der ausschließlich aus eigenen Produkten und aus eigener Herstellung stammt, kann man zwischen Schokoladenkuchen (Reinhard), Limetten- oder Muskatnusseis (ich) wählen.

Blick auf und aus Belmont Estate I Blick auf und aus Belmont Estate II

Nachdem wir alle mehr als satt sind, trifft es sich gut, dass der nächste Besichtigungspunkt die River Antoine Estate Raumdestillerie ist. Hier wird noch wie im Jahr 1785 Rum hergestellt. 80.000 Flaschen ausschließlich weißen Rums werden hier im Jahr produziert. Für braunen Rum, der mindestens sieben Jahre lagern muss, ist die Produktion zu klein. Sie produzieren schon jetzt nicht genug und können daher keinen Rum mehr abzweigen.

Den hier produzierten Rum gibt es in zwei Ausführungen: 69 % oder 72 %. Die 69 %-Variante ist vor allem für die Touristen gedacht, da die Grenze für die Mitnahme alkoholischer Getränke im Flugzeug bei einem Alkoholgehalt von 70 % liegt. Reinhard wittert bei diesen Prozenten schwerstes Sodbrennen. Ich probiere dagegen beide Varianten: Ein geschmacklicher Unterschied ist kaum zu merken und die Kehle brennen einem beide weg. Aber zum puren Genuss ist dieser Rum auch nicht gedacht und deshalb dürfen wir auch noch zwei Mixvarianten – einmal als Mangorumpunsch (mir ein bisschen zu klebrig süß) und mit flüssiger Schokolade (schon viel besser) probieren. Auch wenn es sich so anhört: Es waren natürlich nicht vier Gläser Rum sondern wirklich nur ganz kleine Mengen. Ansonsten wäre der Tag bei der hier vorherrschenden Hitze für mich gelaufen gewesen.

Produktion und fertiges Produkt I Produktion und fertiges Produkt II Produktion und fertiges Produkt III

Produktion und fertiges Produkt IIII Produktion und fertiges Produkt V

Die Weiterfahrt führt zum alten Flughafen Grenada-Pearls, der seit 1984 nicht mehr in Betrieb ist. Heute dient die alte Start- und Landebahn als Übungsplatz für den Autoführerschein und die Grünflächen als Weideplatz für Kühe und Ziegen. Diesen teilen sie sich mit zwei alten Flugzeugen russischer Bauart der Fluggesellschaft Cubana, die nach der US-Invasion 1983 hier zurück gelassen wurden.

Zurückgelassene Flieger I Zurückgelassene Flieger II Zurückgelassene Flieger III

Den Abschluss des Tages bildet eine Fahrt zum Grand Etang Lake. Dieser Vulkansee mit mehreren hundert Metern Durchmesser liegt im Regenwald im Nationalpark Grand Etang. Unzählige Fische schnappen nach dem Futter, wobei die großen Exemplare erst zum Schluss auftauchen. Ein erfrischend kühler und idyllischer Ort.

Grand Etang Lake

Unser nächster Ausflug führt uns zur Probe des Commancheros Steel Orchestra.

Ähnlich wie in einem Sinfonieorchester, gibt es von Sopranstimmen bis zum Bass verschiedene Gruppen, die harmonisch und rhythmisch miteinander musizieren. Seit ihrer Entstehung haben sich die anfänglich aus Fässern hergestellten Instrumente zu industriellen Fertigungen verbessert, die sich klanglich gewaltig vom ursprünglichen „Blechscheppern“ unterscheiden.

Anfang August ist auf Grenada Karneval, auch Spicemas genannt, und hier werden verschiedene Steel Pan Bands bzw. Steel Orchestras zu sehen sein. Wer also glaubt, dass Steel Pan Musik nur etwas für Touristen ist, irrt gewaltig. Nicht nur die Grenader halten traditionell diese ursprünglich in Trinidad entstandene Musikart aufrecht und Nachwuchssorgen bestehen keineswegs. Die Commancheros haben in ihrer dreißigjährigen Geschichte bereits zweiundzwanzig Mal den Titel „Band of the year“ gewonnen.

Commancheros

Video Commancheros

Zu den Commancheros gehört auch das „Associates Mas Committee“. Parallel zur Probe wird daher auch eifrig an den Kostümen gearbeitet.

Spicemas Kleidung

Für uns besteht tatsächlich die Möglichkeit, eines dieser Kostüme zu erwerben und beim „The Commancheros and Associates Mas Committee“ mitzulaufen. Bei der Vorstellung weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Lieber werden wir uns die „Locals“ ansehen, die diese Art von Kleidung tragen können.

 

Art Fabrik

 

Bereits seit Martinique hat Reinhard immer wieder Probleme mit den Augenlidern. Abwechselnde Entzündungen haben schon zu einer erheblichen Plünderung der Bordapotheke von Augentropfen und Augensalbe geführt. Da das auf Dauer kein Zustand ist, entschließt er sich auf Grenada zum Besuch der Augenklinik. Und siehe da, die Ursachen, bakterielle Infektionen und eine Überkorrektur der Brillengläser, die zu häufigem Reiben der ermüdeten Augen führt, wird genauso schnell gefunden wie die Wirkung beseitigt werden soll.

Die kompetente venezuelische Augenärztin operiert beide Augen zur gleichen Zeit. Das Ergebnis ist ein blinder Passagier an Bord. Damit ich ihn aber noch nach Hause bekomme, wird nur ein Auge abgeklebt. Das andere muss gekühlt werden.

Trotzdem zeigt sich langsam ein blauer Schimmer auf dem Lid. Neben meinem Bedauern für Reinhard steigt die Sorge in mir auf, was sich wohl unter dem Pflaster des anderen Auges befinden mag. Abends darf es abgenommen werden und ich stelle mich schon einmal auf böse Blicke anderer Marinagäste ein. Schließlich soll es ja auch Frauen geben, die ihre Männer schlagen… Doch zum Glück erweist sich die Sorge als unbegründet: Es ist quasi nichts zu sehen und auch das Veilchen des linken Auges ist kaum zu erkennen. Exzellente Arbeit!

 

Blinder Passagier

Blinder Passagier

 

So können wir auch bald wieder Ausflüge unternehmen oder wie man eine Shoppingtour nennen möchte, die sich ausnahmsweise mal nicht um Antifouling oder Ersatzteile fürs Schiff dreht. Ich brauche dringend neue Kleidung und Dieter gibt uns den Tipp, in die Art Fabrik in St. George’s zu gehen. Der Weg dorthin führt uns durch den Sendall Tunnel, der sowohl von Autos als auch von Fußgängern benutzt wird – ohne extra ausgewiesenen Fußgängerweg versteht sich. Dafür ist der Tunnel von 1894 deutlich zu schmal. Also mutig hinein … Ab in den Tunnel

Ab in den Tunnel

 

… und unerschrocken die Fahrzeuge passieren lassen.

 

Gegenverkehr

Gegenverkehr

 

Nach diesem Erlebnis zieht es Reinhard zum House of Chocolate.

 

House of Chocolate

House of Chocolate

 

Aber das muss warten, denn gegenüber liegt die Art Fabrik.

 

Art Fabrik

Art Fabrik

 

Hier gibt es eine große Auswahl von komplett und ausschließlich auf Grenada gefertigten Batiktextilien und Kunsthandwerkstücken. Alles Handarbeit, alles Unikate. Noch während wir am Stöbern sind, treffen wir auf Chris, eine der beiden Inhaberinnen. Sie lädt uns ein, das Atelier im Obergeschoss zu besichtigen. Diese Einladung nehmen wir gerne an. Im Atelier begrüßt uns die zweite Inhaberin Lilo. Sie stammt aus der Schweiz, ist ebenfalls Seglerin, schon viele Jahre unterwegs und lebt ebenfalls auf ihrem Boot. Lilo gibt uns eine Einführung in die jahrhundertealte Technik des Batikens, wie sie immer noch angewendet wird. Um bestimmte Muster und Formen auf den Textilien zu erhalten, wird eine Mischung aus durch Erhitzen verflüssigtem Paraffin, Bienenwachs und recyceltem Wachs mit verschiedenen Pinseln und Werkzeugen aufgetragen.

 

Demonstration der Batiktechnik

Demonstration der Batiktechnik

 

Nach dem Färben wird das Wachs wieder ausgekocht, so dass es wieder verwendet werden kann. Eine absolut nachhaltige Prozedur. Und das fertige Kleidungsstück kann sich sehen lassen.

 

Unikat

Unikat

 

Das war sicherlich nicht unser letzter Besuch in der Art Fabrik.

 

Auf dem Rückweg machen wir einen Stopp im Careenage Café. Auf einer wandfüllenden Weltkarte haben Segler aus aller Welt ihre Herkunft markiert. Unser letzter Wohnort war zwar Flensburg, aber als ich entdecke, dass auf der Karte tatsächlich Föhr zu sehen ist, entscheide ich mich dazu, die Insel, auf der ich aufgewachsen bin, zu markieren.

Der einzige Ort, den ich neben Findus als Heimat bezeichne.

 

Kleiner Punkt auf der Weltkarte

Kleiner Punkt auf der Weltkarte

 

 

Umzug nach Le Phare Bleu

 

Als wir zur Prickly Bay in unserem Segelführer lasen: „…gelegentlich macht südlicher Schwell die Bucht unkomfortabel“, hätten wir wohl ahnen können, was uns blühte. Nachdem wir vor Anker ordentlich schaukelten, fanden wir es in der Marina zunächst erholsam ruhig.

Dies änderte sich pünktlich zum Vollmond. Findus bewegte sich wie ein Rodeopferd ruckartig nach links, rechts, vorne und hinten, so dass Reinhard nachts mehrfach die Festmacher und Springs neu justierte. Trotzdem blieb der Liegeplatz auch in den kommenden Tagen ungemütlich.

Schnell war klar, dass die Prickly Bay Marina wohl doch nicht unsere Sommerheimat sein kann. Nach kurzer Recherche im Internet und Besichtigungstour verlegten wir Findus daher in die Le Phare Bleu Marina.

 

Neue Aussicht aus dem Cockpit

Neue Aussicht aus dem Cockpit

 

Die Schweizer Jana Caniga und Dieter Burkhalter haben hier mit viel Liebe und Ausdauer ein Boutique Hotel mit Marina geschaffen, quasi aus dem Nichts.

 

Le Phare Bleu Boutique Hotel und Marina

Le Phare Bleu Boutique Hotel und Marina

 

Eine Besonderheit ist das ehemalige Feuerschiff „Västra Banken“ (Baujahr 1900), das im Jahr 2006 in Rostock und Stralsund renoviert und anschließend per Frachtschiff in die Le Phare Bleu Marina gebracht wurde. Mit seinem nun blauen Leuchtturm stellt es das Wahrzeichen der Marina dar. Hier sind die Dusch- und Toilettenräume untergebracht.

 

Duschschiff bei Tag

Duschschiff bei Tag

 

Und kurz nach unserer Ankunft ist es als Bar und Bistro mit Livemusik wiedereröffnet worden.

 

Bar- und Bistro-Schiff "The Lightship" bei Nacht / Livemusik

Bar- und Bistro-Schiff „The Lightship“ bei Nacht / Livemusik

 

Und nicht nur zur Eröffnung wird hier Musik gemacht. Neben wöchentlicher Livemusik organisiert Dieter, der u.a. auch selbst Musiker ist, fünfmal im Jahr ein Dinghy-Konzert. Auf einem alten Schlepper, der als Bühne dient, spielen am Tag nach unserer Ankunft Mr. Killa und Rebell 1. Ein Konzerterlebnis der besonderen Art – zum ersten Mal in meinem Leben tanze ich im Dinghy.

 

Dinghy-Konzert

Dinghy-Konzert

 

Auch die Inhaberin ist sehr vielseitig. Die ehemalige Fernsehmoderatorin ist mittlerweile auch Honorarkonsulin der Schweiz auf Grenada.

 

Schweizer Konsulat

Schweizer Konsulat

 

Wer weiß… Bei der Umgebung

 

Umgebungsbilder

Umgebungsbilder

 

wäre das vielleicht eine Alternative zum Weitersegeln. Ein deutsches Konsulat gibt es hier zurzeit schließlich nicht.

Dachte ich jedenfalls. Falsch gedacht. Keine deutsche Botschaft, aber sehr wohl eine deutsche Honorarkonsulin. Aus der Traum. Also weiter segeln.